Die Grünen Kreisverbände Siegen-Wittgenstein und Olpe haben ein Positionspapier zu den laufenden ASP-Schutzmaßnahmen in Südwestfalen veröffentlicht und an Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen sowie die Landräte Andreas Müller (Siegen-Wittgenstein) und Theo Melcher (Olpe) übermittelt. Den vollständigen Text gibt es am Ende auch als PDF zum Download.
Die Afrikanische Schweinepest (ASP) stellt eine massive Bedrohung für unsere Landwirtschaft und die Wildschweinpopulationen dar. Aus diesem Grund sind seitens des Landes und der betroffenen Kreise eine Vielzahl von Maßnahmen initiiert worden und viele Mitarbeitende arbeiten weit über das Erwartbare, um die Seuche einzugrenzen.
Wir tragen die notwendigen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung grundsätzlich mit. Gleichzeitig ist es von zentraler Bedeutung, vermeidbares Tierleid bei anderen Wildtierarten zu verhindern und die ökologischen Auswirkungen der kilometerlangen Zaunanlagen so gering wie möglich zu halten. Effektiver Seuchenschutz und die Wahrung von Tier- und Artenschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden – sie müssen Hand in Hand gehen.
Als Grüne Kreisverbände Siegen-Wittgenstein und Olpe sehen wir mit Sorge, dass die Errichtung der rund 1,20 Meter hohen Zäune in den Wald- und Naturräumen Südwestfalens eine erhebliche Veränderung der Lebensräume darstellt. Betroffen sind, neben einer Vielzahl von häufig vorkommenden Arten, auch europarechtlich streng geschützte Arten wie die Europäische Wildkatze (Anhang IV der FFH-Richtlinie), deren Schutzstatus unabhängig von Schutzgebietsgrenzen gilt, sowie sensible FFH-Gebiete, deren spezifische Erhaltungsziele nicht beeinträchtigt werden dürfen.
Um den Seuchenschutz ökologisch verträglicher und tierschutzkonform auszugestalten, geben wir die folgenden fünf Punkte in die Diskussion und regen an, sie sowohl auf Kreis- als auch auf Landesebene umzusetzen:
1. Einrichtung eines wissenschaftlich begleiteten Wildtiermonitorings
Auf Landesebene ist unverzüglich ein begleitendes Wildtiermonitoring für die ASP-Zaunanlagen zu etablieren und bis zum Jahresende ein erster Sachstand zu berichten.
Ziel: Land, Kreise, Veterinärbehörden, Naturschutzverbände, Jägerschaft, Wildbiologinnen und Biologen und die interessierte Öffentlichkeit müssen gemeinsam die tatsächlichen Auswirkungen der Zäune systematisch erfassen und Vorschläge zur Verbesserung der ASP-Bekämpfung und zum Abbau von Biodiversitätsbarrieren erarbeiten können.
Fokus: Dokumentation von bekannten Wildwechseln, potenziellen Barriereeffekten sowie der Erfassung von Unfall-, Stress- und Verfangstellen, um datenbasiert reagieren zu können.
2. Evidenzbasierte Optimierung unter Nutzung von Erfahrungswerten anderer Bundesländer
Wir erwarten dann den gezielten Einsatz baulicher Hilfen dort, wo das Wildtiermonitoring konkreten Handlungsbedarf aufzeigt.
Erfahrungswerte nutzen: NRW sollte hierbei zwingend auf die jahrelangen, umfassenden Praxiserfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse aus anderen betroffenen Bundesländern wie Brandenburg zurückgreifen. Dort bereits erprobte und bewährte Systeme sollten adaptiert und vor Ort gezielt getestet werden.
Prüfung von Durchlässen: Wo Zäune nachweislich eine unüberwindbare Barriere für mittelgroße Säugetiere oder die Wildkatze darstellen, sollten selektive Durchlässe geprüft werden. Diese sollten jedoch erst installiert werden, wenn ihre Wirksamkeit für die Zielart und gleichzeitig die sichere Sperrwirkung gegenüber Schwarzwild (einschließlich Frischlingen) analog zu erfolgreichen Systemen in Brandenburg nachgewiesen ist.
Umgang mit Barrieren für Großwild: Ein gesunder Wildbestand kann 1,20 Meter hohe Zäune grundsätzlich überspringen. Dennoch entstehen Gefahren in Fluchtsituationen, bei ungünstigem topografischem Gelände oder mangelnder Sichtbarkeit. Wir fordern die optische Kennzeichnung von Zaunabschnitten in Hauptschadensbereichen sowie das Testen topografisch angepasster Überwindungshilfen, sofern deren Schwarzwild-Sperrwirkung zweifelsfrei belegt ist.
3. Trassenbezogene Überprüfung der Wasserversorgung
Wir halten es für erforderlich, dass in Anbetracht der zurückliegenden Wochen eine gezielte, trassenbezogene Überprüfung des Zaunverlaufs an kritischen Punkten hinsichtlich des notwendigen Zugangs zu Wasserstellen durchgeführt wird. Gerade in trockenen Sommern können Wasserstellen und Bäche zeitweise austrocknen und Wildtiere zusätzlich belasten.
Maßnahme: Es ist wichtig, systematisch zu prüfen, ob bestehende Zäune vitale, natürliche Wasserläufe und bekannte Schöpfstellen so abschneiden, dass eingeschlossene Wildtiere in Trockenphasen in existenzielle Not geraten.
Konsequenz: Sollten solche kritischen Barrieren identifiziert werden, muss der Zaunverlauf kleinräumig korrigiert oder unter Wahrung des Seuchenschutzes ein kontrollierter Zugang zu den Wasserstellen geschaffen werden.
4. Transparenz über Zaunverläufe und verbindliche Rückbau-Kriterien
Die Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung und bei den Akteuren vor Ort hängt entscheidend von Transparenz und Verlässlichkeit ab.
Digitale Trassenkarte: Wir erwarten die Bereitstellung von digitalem Kartenmaterial der aktuellen Zauntrassen unter Einblendung von FFH-Gebieten für die Jägerschaft, Land- und Forstbetriebe, Naturschutzverbände und die interessierte Öffentlichkeit. Insgesamt beurteilen wir insbesondere den Bau der Zaunanlage um die Sperrzone 2 als sehr kritisch. Eine ausführliche Begründung, warum gerade diese weiteren knapp 400 km Zaun die Ausbreitung der Seuche verhindern sollen, haben wir bisher noch nicht erkennen können.
Dynamischer Rückbau: Für jeden Zaunabschnitt muss im Zuge des epidemiologischen Fortschritts regelmäßig geprüft werden, ob seine seuchenfachliche Funktion noch besteht. Sobald diese entfällt oder sich die Restriktionszonen verschieben, sind die Zäune unverzüglich, vollständig und schadlos aus den (sensiblen) Naturräumen zurückzubauen, um den ökologischen Urzustand wiederherzustellen.
5. Mittelfristige Perspektive: Politisches Engagement für alternative Seuchenbekämpfung
Die derzeit laufenden ASP-Maßnahmen kosten viele Millionen Euro, erfordern sehr viel personellen Einsatz von Land, Kreisen und Jägerschaft und sorgen z. B. durch die Zäunung und das Vermarktungsverbot für Wildschweinfleisch auch für viel Unmut. Daher erwarten wir von allen politischen Ebenen, mittelfristig auf Bundes- und europäischer Ebene auf eine wissenschaftlich fundierte Evaluation alternativer Seuchenschutzmethoden hinzuwirken. Dazu zählen unter anderem:
- Die Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen (z. B. Schluckimpfung)
- Die großflächige und nachhaltige Reduzierung des Schwarzwildbestandes
- Anpassungen der Seuchenschutzverordnung auf europäischer Ebene
- Die Förderung von Forschung zu innovativen Ansätzen
Nur so kann langfristig eine ökologisch verträgliche, wirtschaftlich tragfähige und sozial akzeptierte Lösung gefunden werden. Wir werden selbst in unseren Funktionen und Rollen versuchen, daran mitzuwirken.
Für einen konstruktiven, fachlichen Austausch stehen wir allen Interessierten und Involvierten jederzeit zur Verfügung.
Die Grünen Kreisverbände Siegen-Wittgenstein und Olpe
Kreisverband Siegen-Wittgenstein
Janina Singh, Sprecherin — janina.singh@gruene-siegen-wittgenstein.de
Michael Hartwich, Sprecher — michael.hartwich@gruene-siegen-wittgenstein.de
Kreisverband Olpe
Dr. Gregor Kaiser, Sprecher — gregor.kaiser@gruene-olpe.de
Marina Jung, Sprecherin — marina.jung@gruene-olpe.de
